NORDOSTNETZ

Bis zur Jahrhundertwende waren die im Südosten an die Stadt Recklinghausen angrenzende Gemeinde Oer, die Bauerschaft Erkenschwick, die Bauerschaft Suderwich und das im 12. Jahrhundert erstmals erwähnte Kirchspiel Rapen landwirtschaftlich geprägte Ortschaften. Das änderte sich mit der Nordwanderung des Bergbaus und dem Ausbau des Eisenbahnnetzes im Ruhrgebiet.

Die Abteufung neuer Schachtanlagen sowie die zeitgleich mit den Zechen entstehende städtische Infrastruktur sorgten für den Zuzug mehrerer tausend Menschen. Die am 1. Mai 1905 eröffnete Eisenbahnlinie von Osterfeld nach Hamm errichtete im Westen von Suderwich den Rangierbahnhof Recklinghausen-Ost und das gleichnamige Ausbesserungswerk.

Zwischen 1900 und 1910 vervierfachte sich die Einwohnerzahl Suderwichs. Sie stieg von rund 1.500 auf 6.000 Menschen. Ganz ähnlich verlief die Entwicklung in Oer und Erkenschwick. Während Suderwich am 1. April 1926 in die Stadt Recklinghausen eingemeindet wurde, bilden Oer, Erkenschwick und Rapen seither die Stadt Oer-Erkenschwick.

1905 reifte im Kreistag Recklinghausen die Erkenntnis, dass es Sinn machen würde, Suderwich und später auch Erkenschwick mit der Straßenbahn an das Stadtzentrum anzubinden.

RECKLINGHAUSEN – SUDERWICH – DATTELN

Ausschlaggebend für das Projekt einer Straßenbahnstrecke von Recklinghausen über Suderwich nach Datteln war die aufstrebende Entwicklung der Zeche „König Ludwig“. Deren Schacht I hatte 1886 die Förderung aufgenommen, der Beginn der Förderung auf Schacht II folgte 1894. Im Jahr 1900 begann man im Westen der Gemeinde mit den Teufarbeiten für die Schächte IV und V.

Der Landkreis Recklinghausen beobachtete die mit dem Bergbau verbundene Entwicklung von Suderwich sehr aufmerksam. Die Einrichtung einer Pferdeomnibuslinie war sehr positiv verlaufen. Vor diesem Hintergrund regte der Kreis 1904 den Bau der Straßenbahnlinie an. Die entsprechende Kreistagsvorlage wurde 1905 verabschiedet.

An dem Projekt der Straßenbahn Recklinghausen – Suderwich – Datteln beteiligten sich der Landkreis Recklinghausen mit 20 %, die Stadtgemeinde Recklinghausen mit 40 % sowie die Landgemeinden Recklinghausen und Suderwich mit jeweils 20 %. Das Anlagekapital lag bei 550.000 Mark. Wie schon bei der Straßenbahn Recklinghausen – Herten – Wanne wurde es über eine Anleihe bei der Landesbank der Provinz Westfalen beschafft.

RECKLINGHAUSEN – ERKENSCHWICK – DATTELN

Nachdem man mit der Linie nach Suderwich bereits in den Südosten Recklinghausens vorgestoßen war, lag es nahe, eine zweite Strecke über das benachbarte Erkenschwick nach Datteln zu führen. In diesem Bereich hatte die ab 1899 abgeteufte Zeche „Graf Waldersee“, die 1902 die Förderung aufnahm, zu einem deutlichen Anstieg der Bevölkerung geführt. Die Inbetriebnahme eines zweiten Förderschachtes im Jahr 1904 sorgte für weiteres Wachstum. Die Anlage erhielt später die Bezeichnung „Ewald Fortsetzung“. Als Teil der Schachtanlage Haard war die Zeche bis 1992 in Betrieb.

Die Straßenbahn Recklinghausen – Erkenschwick nahm im Frühjahr 1908 konkrete Formen an, nachdem man auch zwischen Recklinghausen und Erkenschwick zunächst mit einer Omnibuslinie die Rentabilität überprüft hatte. Im Mai 1908 war der Bau der Straßenbahnlinie Gegenstand einer Kreistagsvorlage. Nachdem der Weiterbau der Linie von Suderwich nach Datteln einstweilig zurückgestellt worden war, sollte nunmehr die Erkenschwicker Linie bis Datteln weitergeführt werden.

Das über eine Anleihe bei der Landesbank beschaffte Anlagekapital in Höhe von 500.000 Mark wurde zu 25 % vom Landkreis Recklinghausen, zu jeweils 30 % von der Stadt- und der Landgemeinde Recklinghausen sowie zu 15 % von der Landgemeinde Datteln aufgebracht.

Sowohl das Projekt der Straßenbahn nach Suderwich als auch das Projekt der Straßenbahn nach Erkenschwick wurde der Straßenbahn Recklinghausen – Herten – Wanne zur Ausführung übergeben.

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