Im Berufsverkehr führte die Straßenbahn bis Datteln Beiwagen mit. Um am Streckenende den Beiwagen zum Fahrtrichtungswechsel zu umfahren, beantragte die Straßenbahn ein Wendedreieck. Dieses sollte später eine doppelte Funktion erhalten: Ursprünglich sollte für eine Weiterführung des Netzes nach Norden in Datteln ein weiterer Betriebshof im Bereich der Lohstraße entstehen. In den Unterlagen zur Genehmigung der Straßenbahnstrecken wurde das Streckenende dementsprechend mit „Depot“ bezeichnet.
Auf dem hier als Beitragsbild verwendeten Luftbild aus dem Jahr 1925 ist das von der Altstadt in die Lohstraße führende Gleis der Straßenbahn gut zu erkennen (© RVR – 1925-1930 – dl-de/by-2-0). Das Wendedreieck befand sich einige Meter weiter nördlich im Kaiser-Wilhelm-Garten, der auf dem Luftbild als zusammenhängende Grünfläche zu sehen ist. Es lag zwischen der nach Osten von der Lohstraße abzweigenden Straße „Am Amtshaus“ und der nach Westen abzweigenden Straße „Grüner Weg“. Die Baugenehmigung für das Gleisdreieck wurde am 14. Juni 1913 erteilt.
KOLONIE HÖTTINGSHOF
Die Pläne für den Betriebshof zerschlugen sich, nachdem sich abzeichnete, dass es nicht zu einer Weiterführung der Straßenbahn nach Olfen kommen würde.
Anfang der 1920er-Jahre jedoch plante die Gewerkschaft Emscher-Lippe auf den landwirtschaftlich genutzten Freiflächen im Norden des Amtshauses den Bau einer weiteren Zechenkolonie.
Da es zwischen der Zeche und den Vestischen Kleinbahnen eine gute Zusammenarbeit gab, sollte die Straßenbahn auch für den Transport der Baumaterialien herangezogen werden. Zudem bot sich dafür die Anlage eines an das Wendedreieck anschließenden Materialgleises zum Bauplatz der Kolonie geradezu an. Am 20. Mai 1920 beantragten die Vestischen Kleinbahnen das 600 Meter lange Gleis vom östlichen Gleisstumpf des Wendedreiecks bis zum Bauplatz der Kolonie Höttingshof. Die Abnahme durch die Aufsichtsbehörde erfolgte am 16. November 1920.
WEITERE MATERIALGLEISE
Die Baumaterialien für die Kolonie Höttingshof wurden vermutlich von der Zeche Emscher-Lippe und der Ziegelei Tillmann in Suderwich sowie vielleicht auch von der Ziegelei Gertz in Recklinghausen geliefert. Anfang der 1920er-Jahre wurden die Betriebsgrundstücke über Materialgleise mit dem Straßenbahnnetz verbunden. Weitere Materialgleise für den Güterverkehr wurden in Zusammenarbeit zwischen der Gewerkschaft Emscher-Lippe und den Vestischen Kleinbahnen für den Ausbau der Kolonie Beisenkamp (nördlich der Schachtanlage I/II auf der Ostseite der heutigen B 235) und für den Ausbau der Kolonie Dümmer (in Höhe der Schachtanlage I/II auf der Ostseite der heuteigen B 235) angelegt.
Alle Gleisanschlüsse erhielten zunächst eine bis 1923 geltende Betriebsgenehmigung. Am 19. Januar 1923 wurden die Konzessionen bis zum 10. Januar 1926 verlängert. Wie lange die Gleisanschlüsse tatsächlich bestanden und wann die Gleise abgebaut wurden, ist derzeit nicht bekannt.
SANDGRUBE HÖTTINGSHOF
Das an das Wendedreieck anschließende Materialgleis wurde im Sommer 1921 um 170 Meter verkürzt und nunmehr zu einer Sandgrube im Bereich der Einmündung der heutigen Straße „In der Bredde“ in die Bülowstraße geführt. Die 653 Meter lange Ergänzung des Anschlussgleises wurde am 12. Juli 1921 abgenommen.
Spätestens mit der Einstellung des Straßenbahnverkehrs in der Hohen Straße wurde auch das Wendedreieck aufgegeben. Heute ist seine Lage an der Lohstraße kaum noch festzustellen: Die Vegetation des Kaiser-Wilhelm-Gartens hat die ehemalige Trasse des Wendedreiecks und der Anschlussgleise vollständig zurückerobert. Lediglich ein in die Grünanlage führender Spazierweg lässt erahnen, an welcher Stelle einst die Straßenbahnen „Kopf machten“.
Der nachfolgende Plan illustriert die Lage des Gleisdreiecks und der Materialgleise. Als Orientierung dient ein Luftbild aus den 1920er-Jahren (© RVR – 1925-1930 – dl-de/by-2-0).
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