GÜTERVERKEHR

Auch im Vest Recklinghausen wurden temporär Güter mit der Straßenbahn befördert. Die Güterbeförderung wurde jedoch erst 1919 und damit deutlich später als bei den benachbarten Verkehrsbetrieben – Westfälische Straßenbahn GmbH und BOGESTRA – aufgenommen.

DATTELN

Gleich mehrere Anschlussgleise wurden Anfang der 1920er-Jahre im Zusammenhang mit dem Neu- und Ausbau der Kolonien der Zeche Emscher-Lippe im Nordostnetz angelegt: von der Strecke Recklinghausen – Suderwich – Datteln – Loh zur Ziegelei Tillmann (489 Meter), zur Kohlenkippe der Zeche Emscher-Lippe (210 Meter) sowie zum Bauplatz der Kolonie Höttingshof (600 Meter).

Das vom Wendedreieck in Datteln abzweigende Materialgleis für die Kolonie Höttingshof wurde am 16. November 1920 von der Aufsichtsbehörde abgenommen. Am 12. Juli 1921 wurden die letzten 170 Meter dieses Gleises bereits wieder beseitigt. Stattdessen wurde das Materialgleis nunmehr um rund 650 Meter zu einer ehemaligen Sandgrube weitergeführt, um in diesem Bereich den Siedlungsbau fortzusetzen. Sie befand sich in Höhe der heutigen Einmündung der Straße „In der Bredde“ in die Bülowstraße.

Ein weiteres Anschlussgleis führte von der Strecke Recklinghausen – Erkenschwick – Datteln zur Ziegelei Gertz (636 Meter). In den Genehmigungsunterlagen der Vestischen Kleinbahnen werden darüber hinaus Materialgleise in die Kolonien Dümmer und Beisenkamp erwähnt.

MARL

Auch an anderer Stelle legten die Vestischen Kleinbahnen Güterverkehrsgleise an. In der Literatur werden ein kurzes Ladegleis zur Zeche Brassert (60 Meter) an der Strecke Marl – Brassert, ein Anschluss zur Glasfabrik in Dorsten sowie ein Ladegleis am Bahnhof Sinsen genannt. In diesem Zusammenhang besteht noch historischer Forschungsbedarf.

HERTEN

Die Fahrzeuge für den Gütertransport waren größtenteils in Herten stationiert. Um den Personenverkehr im Hertener Stadtkern und hier insbesondere in der engen Kaiserstraße nicht durch Betriebsfahrten des Güterverkehrs zu beeinträchtigen, wurde eine rund 400 Meter lange Verbindungsstrecke von der Ewaldstraße über die damalige Marktstraße (heute Kurt-Schumacher-Straße) zur Trasse der Strecke von Herten nach Resse und Buer gebaut. Sie wurde am 16. August 1922 in Betrieb genommen.

Die Straßenbahn Herne – Recklinghausen erstellte einen Anschluss zum Stadthafen in Recklinghausen. Dieser wurde zeitweise auch von den Vestischen Kleinbahnen genutzt.

In der ersten Phase des Güterverkehrs wurden vor allem Kohle und Baustoffe transportiert. 1923 erreichten die Gütertransporte mit 7.852 Tonnen den Höchstwert.

ZUGMASCHINEN UND GÜTERTRIEBWAGEN

Obwohl die Transportleistungen im Güterverkehr eher gering waren, stand den Vestischen Kleinbahnen für die Transporte ein umfangreicher Fahrzeugpark zur Verfügung.

Anfangs kamen als Zugfahrzeuge Triebwagen des Personenverkehrs zum Einsatz. Ab 1920 standen den Vestischen Kleinbahnen drei Straßenbahn-Güterzuglokomotiven zur Verfügung. Die von der Waggonfabrik Uerdingen gebauten „elektrischen Zugmaschinen“ entsprachen einem für die Westfälische Straßenbahn GmbH entwickelten Baumuster. Sie erhielten später die Betriebsnummern 1003 bis 1005.

Eine weitere, baugleiche Zugmaschine übernahm die Straßenbahn Herne – Recklinghausen 1924 von der Westfälischen Straßenbahnen GmbH (Nummer 101). Diese Lokomotive erhielt bei der „Vestischen“ die Betriebsnummer 1001.

In Ergänzung der Elektrolokomotiven wurden 1925 die Triebwagen 7 und 9 (später 1009 und 1008) aus der Anfangszeit der Straßenbahn Recklinghausen – Herten – Wanne zu Gütertriebwagen umgebaut, 1926 folgten die Triebwagen 2 und 4 (später 1006 und 1009).

LOREN UND SELBSTENTLADEWAGEN

Bereits im Ersten Weltkrieg wurden im Straßenbahngüterverkehr offene Anhängewagen mit fünf Tonnen Tragfähigkeit eingesetzt (Betriebsnummern 511 bis 521). 1921 wurde dieser Wagenpark um vier, bei Krupp gebaute Kipploren ergänzt (522 bis 525). Durch den Umbau älterer Fahrzeuge entstanden 1924 die Güterwagen 536 und 537 sowie 1925 zehn offene Güterwagen mit 10-Tonnen-Ladegewicht (526 bis 535).

Bislang noch ungeklärt sind die Herkunft und der Verbleib von mehreren 10-Tonnen-Selbstentladewagen, die die Vestischen Kleinbahnen im Dezember 1917 an die Westfälische Straßenbahn GmbH verpachtete. Nachdem dieses Unternehmen in der eigenen Werkstatt aus älteren Personentriebwagen eine ausreichende Zahl eigener Fahrzeuge gebaut hatte, wurden die geliehenen Wagen im Sommer 1918 an die Vestischen Kleinbahnen zurückgegeben.

LEBENSMITTEL

Zwischen 1925 und 1941 ruhte der Güterverkehr. In dieser Zeit gab es bei den Vestischen Kleinbahnen nur betriebsinterne Materialfahrten. Mangelnde Transportkapazitäten im Straßengüterverkehr führten dazu, dass der Straßenbahngüterverkehr im Zweiten Weltkrieg wieder aufgenommen wurde, zunächst mit Gemüse- und Lebensmitteltransporten.

Ausgangspunkt dieser Transporte waren der Gelsenkirchener Großmarkt an der Wiese – auf dem Gelände wurde Ende der 1950er-Jahre das Musiktheater errichtet – und der Güterbahnhof Gelsenkirchen, der im Herbst 1942 mit einem von der Ückendorfer Straße abzweigenden Anschlussgleis mit dem Straßenbahnnetz verbunden wurde. Ziel der Lebensmitteltransporte waren die Marktplätze in Buer und Gladbeck. Um dort die Güterwagen abstellen zu können, wurden im Laufe des Jahres 1943 parallel zu den Streckengleisen spezielle Aufstellgleise angelegt. Den Transport der Lebensmittel übernahmen vermutlich die Gütertriebwagen 1006 bis 1009, die dazu dem Betriebshof Buer zugewiesen wurden.

KIES, ZEMENT UND STEINE


1944 wurden dann auch Kies, Zement, Steine und andere Materialien, die beim Bau der Bunker im Recklinghausener Stadtgebiet benötigt wurden, mit der Straßenbahn befördert. Dazu wurde der Gleisanschluss am Stadthafen reaktiviert. Bei der Waggonfabrik wurden für die Transporte fünf „Kriegsgüterwagen“ beschafft (Betriebsnummern 560 bis 564). Ähnliche Fahrzeuge erhielt zeitgleich auch die BOGESTRA von der Waggonfabrik Esslingen.

Auch die 1939 von der Straßenbahn Herne – Recklinghausen übernommenen Loren (230, 276, 279 und 280) wurden während des Zweiten Weltkriegs im Güterverkehr verwendet. Von fünf weiteren Güterwagen sind nur die Betriebsnummern überliefert (274, 275, 277, 278 und 281).

Alle Fahrzeuge des Straßenbahngüterverkehrs wurden nach der Aufgabe der Transporte für den Gleisbau und zur Unterhaltung der Bahnanlagen genutzt. Die Ausmusterung der Fahrzeuge erfolgte überwiegend in den 1960er-Jahren.

Bis heute sind mir keine historischen Fotos von echten Güterzugeinsätzen bei den Vestischen Kleinbahnen bekannt. Ersatzweise zeige ich deshalb hier eine vermutlich in den 1950er-Jahren entstandene Aufnahme eines in der Gleisunterhaltung eingesetzten Materialzuges. Als Zuglok kommt eine der in den 1920er-Jahren beschafften elektrischen Zugmaschinen zum Einsatz (unbekannter Fotograf – Sammlung Ludwig Schönefeld).